schicksal
Wohlauf

Mariele von der Münsinger Alb

Vor einiger Zeit war Mariele meine Zimmer­ge­nossin im Krankenhaus, deren Schicksal und Geschichte mich stark bewegte. Mariele hatte mehrere Opera­tionen im Bereich der Hüfte und des Knies hinter sich. Der Arzt konnte ihr nicht mehr helfen.

Ich entnahm der Unter­haltung mit ihr, dass sie mit ihrem Bruder, ledig wie sie, im elter­lichen Ausge­dinge (Altenteil, Altsitz) lebte und für den älteren, verhei­ra­teten Bruder auf dem Feld und im Stall arbeitete.

Nach dem schwä­bi­schen, seit mehr als hundert Jahren gültigen Erbrecht, erbt der älteste Sohn den Hof. Alle weiteren Geschwister gehen einem Gewerbe nach; die Mädchen verdingen sich als Dienst­mädchen oder Arbei­te­rinnen, wenn sie nicht einen Bauern aus der Gegend heiraten; die Jungen arbeiten als Handwerker oder als Knechte in Nachbar­dörfern. Der Erbhof­bauer muss seine Geschwister ausbe­zahlen, mittels Acker‑, Waldpar­zelle oder mit Geld.

Es wird erwartet, dass die Frau des Erbhof­bauern mindestens einen Acker oder Bargeld einbringt.

Die Albbauern sind nicht reich, denn der Boden gibt nicht viel her. Es wird erwartet, dass die Frau des Erbhof­bauern mindestens einen Acker oder Bargeld einbringt. Um auf Mariele zurück­zu­kommen: Sie steht für ein auf der schwä­bi­schen Alb typisches Frauen­schicksal. Mariele heiratete nicht; es blieb ihr nichts anderes übrig, als bei ihrem Bruder schlicht um schlicht zu arbeiten, sie versorgte Jahrzehnte Stall und Acker. Viele Erbhof­bäue­rinnen beschäf­tigen ihre ledigen Schwä­ge­rinnen als Köchinnen, Putzfrauen oder Kinds­mägde. “Heute kommen mein Neffe und mein Bruder mit dem Auto und holen mich ab”, erklärte Mariele.

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Hoffentlich muss ich nicht mehr so lange leben
Die Kranken­schwester hatte Marieles Koffer gepackt und verse­hentlich meine Bluse, mein Handtuch und meinen Wasch­lappen hinein­gelegt. Ich rekla­mierte nicht. Gegen zehn Uhr trafen Bruder und Neffe Marieles im Kranken­zimmer ein, das sogleich nach Bierdunst roch. Sehr ungern und stöhnend ergriffen die beiden Marieles Koffer und gingen zum Parkplatz, ohne auf die behin­derte Verwandte zu warten. Langsam und gebeugt, an zwei Krücken folgte Mariele. Sie wandte sich zu mir um mit den Worten: “Hoffentlich muss ich nicht mehr so lange leben, denn das ist kein Dasein mehr.”

Nachsatz: Dies ist ein Beispiel für ein Zusam­men­leben von Bauern auf der schwä­bi­schen Alb mit ihren mittel­losen, unver­hei­ra­teten, behin­derten weiblichen Verwandten.

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