aus der perspektive der mücke
Lebensart

Aus der Perspektive der Mücke

Aus der Perspektive einer Mücke betrachtet ist der Mensch eine Mischung aus Tankstelle und Gastwirt­schaft. Die andere Wange hinhalten? Nein, das kommt im Fall des Mücken­be­falls auch für Christen längst nicht mehr in Frage.

Zwar gibt es weder ein Menü noch kann man à la carte bestellen – ausge­schenkt wird Einheitskost -, aber satt werden hier alle. „Stammessen Eins!“ sirrt routi­niert das Personal, ein rot gespren­keltes, schon etwas angeschmud­deltes Tuch um die gerun­deten Küchen­bul­len­hüften geschlungen.

Die Mitglieder der hungrigen Mücken­meute binden sich erwar­tungsfroh die Servi­etten vor, klopfen mit den vorfreudig gehär­teten Saugrüsseln in rhyth­mi­schem Stakkato auf die Tische und verlangen im Chor: „Bsss! Bsss! Blutsuppe à la nature! Bsss! Bsss!“ Der ohne sein Einver­ständnis zur Speise­gast­stätte umfunk­tio­nierte Mensch aber will der Mücke nicht als Freibank dienen. Fluchend schlägt er um sich und versucht, die auf seinen Glied­maßen oder in seinem Gesichte sitzenden Vampire zu verjagen oder sie am eigenen Leib und sogar auf der eigenen Wange zu zerquet­schen.

Die andere Wange hinhalten?
Nein, das kommt im Fall des Mücken­be­falls auch für Christen längst nicht mehr in Frage, hier wird mit der Eigen­ohr­feige schnell und unerbittlich Selbst­justiz geübt. Die übrigen Delin­quenten werden im Eilver­fahren dem Insek­ten­be­auf­tragten überstellt, und der, Kardinal flache Hand, macht kurzen Prozess, urteilt die lästigen Säuglinge ab und weihräu­chert sie aus, bevor er saftig klatschend zulangt.

Der ohne sein Einver­ständnis zur Speise­gast­stätte umfunk­tio­nierte Mensch aber will der Mücke nicht als Freibank dienen.

Doch der Mücken sind viele; die Hoffnung des Menschen, ein langer und frostiger, beißend kalter Winter hätte die stechenden Insekten schon im Larven­stadium vernichtet oder doch entscheidend dezimiert, war trüge­risch und erfüllte sich nicht. Zerstochen und zerschunden, sich überall die scheußlich juckenden Mücken­stiche kratzend, muss der Mensch einsehen, dass der kommode Platz am Ende der Nahrungs­kette, an den er sich so gewöhnt hat, ihm nicht automa­tisch und selbst­ver­ständlich, nicht unbedingt und unange­fochten gehört. Selbst sichtlich passiver Teil des Ernäh­rungs­kreis­laufs geworden, muss er kleinlaut einräumen: Wer nichts wird, wird Zwischenwirt. Aua.

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Der gesät­tigte Mücken­schwarm erhebt sich; einige wenige Angehörige der Großgruppe haben mit ihrem Leben bezahlt, der Rest prellt frech die Zeche und surrt davon, die nächste Raststätte schon im Blick: Ein Trupp älterer Ausflügler rentnert am Seeufer herum; viele von ihnen stützen sich mit einer Hand auf einen Stock oder halten sich mit beiden Händen an einem Rollwä­gelchen fest. Drei erfahrene Mücken, die als Vorhut und Späher unterwegs sind, reiben sich die Flügel, machen kehrt, fliegen zu den anderen retour und können frohgemut vermelden: „Leichte Beute voraus!“ Grausam und unerbittlich ist die Natur. Die Kleinen fressen die Großen – zumindest dann, wenn die Großen nur noch mit Kölnisch Wasser bewaffnet sind. So erlitt eine Senio­ren­gruppe noch einmal das Schicksal von Flucht und Vertreibung. Mit Rollator und Krücke, erschlägst du keine Mücke.

Wiglaf Droste (†) 

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