Wie der Lump am Stecken

Die verdeckten Fragen, ob dieser Geburtstag ein runder ist, hängen mir zum Halse raus.

Nein, es ist kein runder, ich bin schon drüber und raus aus den mittleren Jahren und im letzten Lebensabschnitt. Ich bin alt! Was für mich in Ordnung ist und was meist nur in den Augen der Anderen, im Gegenüber, Bestürzung auslöst. Das hat wenig mit mir zu tun, auch wenn ich es gar nicht chic finde, von meiner Arthrose immer mal wieder gebeutelt zu werden.

 

Pause im Zweiten

Auf sorgenvoll gerunzelten Stirnen der Fragenden sehe ich die Alptraumbilder: „Treppenlift? Windeln für Erwachsene? Rollator? Demenz?“ Nein, da bin ich noch nicht und wenn es so sein sollte, werde ich mich dann damit auseinander setzen. Jetzt ärgere ich mich, dass ich schon in der zweiten Etage, statt in der dritten pausieren muss, auf dem Weg in den fünften. Mittags schlafen kommt

 

 

Zu Einladungen ans andere
Ende der Stadt fahre ich nicht
mehr mit dem Rad

jetzt auch ab und an vor, das ist sehr erfrischend, aber immer noch etwas irritierend. Zu Einladungen ans andere Ende der Stadt fahre ich nicht mehr mit dem Rad, nach dem einen oder anderen Glas Wein ist mir das einfach zu anstrengend. Am nächsten Morgen hängt das Glas Wein zuviel im Tränensack unter den Augen, furchtbar und die Wiederherstellung dauert statt einer, zwei Stunden, mit 30 ging das in 20 Minuten, auch alkoholdurchweicht vom Vorabend.

 

Tanzen wie der Lump am Stecken

Natürlich schmeichelt es, wenn man fünf oder zehn Jahre jünger durchgeht als man ist, aber mein Wohlbefinden, wenn nicht grade wieder die Arthrose massiv zuschlägt,  hängt nicht mehr davon ab, das ist ein Fortschritt. Sonderbar, merkwürdig und eigenwillig und -tümlich war ich immer. Früher hieß das kreativ, das hat sich nicht geändert, auch nicht durch das Schreckgespenst „alt sein“, über 60 sein, es ist nur gespickt mit ärgerlichen Vorurteilen, wirklich schade. Das Langsamerwerden passt mir überhaupt nicht, mehr Pausen brauchen finde ich blöde, vor allem wenn ich beschäftigt bin mit Arbeit, die mir wirklich Spaß macht. Oder zum Beispiel nicht mehr tanzen wie der Lump am Stecken, weil nach drei, vier Stücken die Puste eine Zwangspause verlangt, ist auch etwas bedauerlich. Trotzdem, beim nächsten Geburtstag, der kein Runder ist, aber rund gefeiert, wird getanzt, wie der Lump am Stecken, noch ohne Krücke.

Ich möchte nicht noch mal 20, 30, 40... sein, nein, der Gedanke ist schrecklich, auch wenn das gute Jahre waren. Gute Jahre im lebendigen Leben habe ich jetzt auch, was ich alles nicht mehr brauche und machen muss, weil das Hirn genauer hindenkt, erfreut mich täglich und an das ächzen auf der Treppe werde ich mich gewöhnen, langsam, mit Pause im zweiten Stock.

 

Ljuba Podgorny (†)

  

rechte Spalte: Virginia Ironside

 

 

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