Tannengrün, blind
Am Vormittag des Heiligen Abends
waren wir spät aufgestanden,
zu spät jedenfalls, um noch einen Weihnachtsbaum zu bekommen, der
diese Bezeichnung verdient hätte.
Von den dreien, die noch da waren, kauften wir zwei. Beiden mangelten Zweige und Nadeln an der einen Hälfte völlig, doch aneinander gestellt, ergaben sie einen beinahe geschlossenen grünen Kegel. Im Laufe des Nachmittags kam heraus, dass Klaus keinen Baumständer besaß. Wir hatten beschlossen - besser gesagt: er hatte es beschlossen, und ich, sein Untermieter, fügte mich - dass die Wohnung vor dem großen Fest von Grund auf geputzt sein müsse, und inmitten unserer zähen Bemühungen fiel mir der Tannenbaumständer ein. Nichts, nichts dergleichen habe er, beteuerte Klaus und putzte ungerührt weiter. Aber die Kunst des Lebens besteht darin, so zu tun, als verfüge man über das, was man braucht, oder darin, es zu erfinden, es zu ersetzen, den Mangel irgendwie auszugleichen. Gerade und erst recht zu Weihnachten. Die Erde in dem schweren eisernen Topf auf dem Balkon war gefroren. Ich setzte den Topf auf das kleine blaue Gasflämmchen in der Küche, und als aus dem Gefrorenen Erde wurde, aus der Erde Brei, aus dem Brei ein
Der Weihnachtsbaum zitterte
und klirrte sacht, eine Art
Schlüsselfigur
in dieser Geschichte
blubbernder Geysir, schüttete ich Gips dazu, viel Gips. Ich rammte die Stämme der Bäumchen hinein. Die Lava wurde im Nu wieder hart. Der siamesische Zwilling stand fest. Gegen zehn Uhr abends starb meine Hoffnung, wir würden noch vor Mitternacht das Räumen geendigt, das Putzen und Schmücken vollendet, ein wenigstens bescheidenes Mahl bereitet auf dem Tisch haben. Immerhin war der Baum geschmückt. Immerhin erklang von Schütz eine Weihnachtsmotette. Gegen halb elf griff sich Klaus einige seiner kleinen Teppiche und Läufer und rannte treppab in den Hof - zum Teppichklopfen, mitten in der Heiligen Nacht. Der Weihnachtsbaum zitterte und klirrte sacht, eine Art Schlüsselfigur in dieser Geschichte. Da mein Vermieter-Freund keinerlei Baumschmuck besaß, hatte ich alle nur auffindbaren Schlüssel in der Wohnung eingesammelt. Nicht mehr auf noch zu schlossen sie, die meisten von ihnen hatten seit Jahren kein Schloss mehr von innen gesehen. An dünnen Fäden hängte ich das schön geformte Metall in die Zweige. Obenauf, zwischen den beiden Spitzen steckte eine silbern strahlende Trillerpfeife, die auf wer weiß welchen Wegen von einem unbekannten Sportplatz hierher gefunden hatte, und die glaslosen Höhlen eines Brillengestells aus Draht inmitten des Tannengrüns verwiesen auf das Fehlende: die Weihnachtsbaumkugeln.
Am zweiten Feiertag kam Hans
Zu dem Mahl, einem Festmahl gar, kamen wir erst am nächsten Tag. Aber dann wurde es eine Kette von Mahlen, ein nie abreißendes Festessen. Fortwährend trafen Gäste ein. Menschen kamen und gingen, ein ewiger Kreislauf des Geschirrs von den gedeckten Tischen in die Küche und von dort, gereinigt, zurück auf die Tische begann. Am zweiten Feiertag kam Hans, ein Schauspieler. Als Geschenk brachte er etwas Besonderes mit, einen kleinen Frosch, einen doppelt blinden sozusagen. Nicht allein, dass das Tier selbst nichts sehen konnte, auch wir, die an der Tafel Sitzenden, bekamen es nie wirklich zu Gesicht. Es sei zwar unsichtbar, erklärte Hans, stolz auf sein ausgefallenes Präsent - doch ansonsten tannengrün. Nur aus den Blicken und Gesten des Schauspielers, seiner erschrockenen Mimik, den aufgebrachten Kommentaren, erfuhren wir, wo sich das Tier gerade befand, was es anstellte. Trotz ständig schlechter Erfahrungen ließ es sich nicht aufhalten. Mal landete es in der Schlagsahne, dann, mit einem weiten Satz, in irgendjemandes Schoß. Hans’ Blick beschrieb seine kühne Flugbahn in eine gerade offen stehende Kanne mit Kakao ebenso, wie wir seinen Händen die Mühen ablesen konnten, das Tier aus dem Süßen wieder heraus zu bekommen. Es war prima, etwas so Lebendiges zwischen uns allen vom Essen Ermatteten zu haben.
Aber ob das Ideen-Feuerwerk des Frosches es war, das letztendlich den Tannenbaum in Flammen aufgehen ließ? Wir wissen es nicht. Jedenfalls gewahrte der Frosch wohl selbst nicht den grellen Lichtschein, der plötzlich am Baum aufstieg. An der Spitze der Tafel brannte die siamesische Sensation bengalisch. Den verkohlten Stumpf, daran das Gewicht eines Grabsteins, entsorgten wir allerdings erst zu Ostern. Da war der Frosch längst weiter gezogen, und unsere Kreativität hatte sich schon lange anderen Dingen zugewandt.
Dirk Werner
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Dirk Werner (1962) hatte schon viele Berufe. Kellner, Fahrer, Pfleger in der Psychiatrie, Verkäufer von Spielzeug, Kindergärtner, Sozialtherapeut, Friedhofsarbeiter, Fotograf und Texter für Werbeagenturen. Heute leitet Dirk Werner in Esslingen Fotoworkshops und Projekte, arbeitet als Autor und Filmvorführer. Veröffentlichungen: im „Freitag“, „Eulenspiegel“ „Junge Welt“. Ausstellungen und Ausstellungs-
beteiligungen: in Berlin, Stuttgart,
St. Etienne, Eßlingen.
Rezession von Gaby Weiß
07.11.2009, Eßlinger Zeitung:
Dirk Werners zweiter Band satirischer Geschichten
www.ez-online.de
Texte von Dirk Werner
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