Mariele von der Münsinger Alb

Jul 03, 2011 No Comments by

Vor einiger Zeit war Mariele meine Zimmergenossin im Krankenhaus, deren Schicksal und Geschichte mich stark bewegte. Mariele hatte mehrere Operationen im Bereich der Hüfte und des Knies hinter sich. Der Arzt konnte ihr nicht mehr helfen, das ganze Knochengerüst war stark abgenutzt, auf schwäbisch: sie war “ausgeschafft”. Ihre grauen, intelligenten Augen standen im Widerspruch zu ihrer schwerfälligen Ausdrucksweise. Ich entnahm der Unterhaltung mit ihr, dass sie mit ihrem Bruder, ledig wie sie, im elterlichen Ausgedinge (Altenteil, Altsitz) lebte und für den älteren, verheirateten Bruder auf dem Feld und im Stall arbeitete. Nach dem schwäbischen, seit mehr als hundert Jahren gültigen Erbrecht, erbt der älteste Sohn den Hof. Alle weiteren Geschwister gehen einem Gewerbe nach; die Mädchen verdingen sich als Dienstmädchen oder Arbeiterinnen, wenn sie nicht einen Bauern aus der Gegend heiraten; die Jungen arbeiten als Handwerker oder als Knechte in Nachbardörfern. Der Erbhofbauer muss seine Geschwister ausbezahlen, mittels Acker-, Waldparzelle oder mit Geld.

Es wird erwartet, dass die Frau des Erbhofbauern mindestens einen Acker oder Bargeld einbringt.

Die Albbauern sind nicht reich, denn der Boden gibt nicht viel her. Es wird erwartet, dass die Frau des Erbhofbauern mindestens einen Acker oder Bargeld einbringt. Um auf Mariele zurückzukommen: Sie steht für ein auf der schwäbischen Alb typisches Frauenschicksal. Mariele heiratete nicht; es blieb ihr nichts anderes übrig, als bei ihrem Bruder schlicht um schlicht zu arbeiten, sie versorgte Jahrzehnte Stall und Acker. Viele Erbhofbäuerinnen beschäftigen ihre ledigen Schwägerinnen als Köchinnen, Putzfrauen oder Kindsmägde. “Heute kommen mein Neffe und mein Bruder mit dem Auto und holen mich ab”, erklärte Mariele. Die Krankenschwester hatte Marieles Koffer gepackt und versehentlich meine Bluse, mein Handtuch und meinen Waschlappen hineingelegt. Ich reklamierte nicht. Gegen zehn Uhr trafen Bruder und Neffe Marieles im Krankenzimmer ein, das sogleich nach Bierdunst roch. Sehr ungern und stöhnend ergriffen die beiden Marieles Koffer und gingen zum Parkplatz, ohne auf die behinderte Verwandte zu warten. Langsam und gebeugt, an zwei Krücken folgte Mariele. Sie wandte sich zu mir um mit den Worten: “Hoffentlich muss ich nicht mehr so lange leben, denn das ist kein Dasein mehr.”

Nachsatz: Dies ist ein Beispiel für ein Zusammenleben von Bauern auf der schwäbischen Alb mit ihren mittellosen, unverheirateten, behinderten weiblichen Verwandten.

Gesundheit

Über den Autor

Ruth-Johanna Eichenhofer (geb.1918), möchte nicht mehr 20 sein, aber 60! Ruth gehört zu den Frauen, die sich ranhalten, an alles Interessante um sich herum.
Noch kein Kommentar zum Artikel “Mariele von der Münsinger Alb”

Schreib einen Kommentar: